Nagel ist back, oder auch: Thees die alte Saufziege

21. September 2012, Terrace Hill (Hamburg), ca. 120 Leuten

Ja, da ist er wieder. Wobei er gar nicht wirklich und so richtig und überhaupt weg war. Nachdem das mehr als hörens- und sehenswerte Kapitel Muff Potter geschlossen wurde, startete Nagel als vorlesender Schriftleser mit einen Gang höher durchs Land. Zudem veranstaltete er Ausstellungen um seine Linoldrucke zu präsentieren. Alles zu sehen auf seiner Homepage.

Aber nun singt und spielt er wieder und macht im Rahmen des Reeperbahnfestivals Halt im Terrace Hill in Hamburg. Meine bessere Hälfte und ich lassen uns das Schauspiel natürlich nicht entgehen. Im Gegensatz zu allem anderen Quatsch dieses „Festivals“. Deshalb werden sich schön Tagestickets ergaunert, mit denen man circa 637 Bands sehen könnte. Könnte, denn die folgenden 60 Minuten Nagel reichen uns für das teuer Geld. Warum machen wir das? Weil wir’s können.

Mit der hauseigenen U-Bahn geht’s Richtung Bunker und nach einem kleineren Verwirrspiel bezüglich der Karten-Bändchen-Tauscherei dann auch ab in Stockwerk 4, Tür und Herz geht auf.

Mehr als 5 Hände voll Leute sind hier eine halbe Stunde vor Anpfiff noch nicht zugegen. Inklusive dem Tresen, inklusive Bedienung. Lustig auch wie einige Strolche sich in Muff Potter Merch-Nickis gepresst haben, um ja zu zeigen, dass sie den tollen Nagel nämlich schon kennen und cool finden. Ja genau, dass will er bestimmt, immer weiter an die Muff Potter-Zeit festgenagelt (Wortspiel, strike!) zu werden. Es gibt kein Leben danach.

Zumindest vielleicht nicht für den Uhlmann Thees. Denn bevor das Licht aus und der Spot an geht, betritt ein leicht verplant dreinblickender, physisch und psychisch schräger Typ die Bühne. Auf dem zweiten Blick erkennen wir ihn, die meisten sicherlich nicht. 3 Minuten lang kündigt er Nagel an und macht sich dann in zwei-Schritt-nach-vorn-und-ein-Schritt-nach-hinten-Manier Richtung Jägermeister-Ausschank („der beste Platz ist an der Hypotheke“) zum Stelldichein mit Kettcar-Wiebusch und Co.

Dann geht es auch schon los. Nagel und Band zeigen sich und an was sie die letzten Wochen gearbeitet haben. Seine ersten Blicke wirken wie immer noch ein wenig schüchtern, doch das Eis taut schnell auf, auch wenn der Mob nicht so in Ekstase gerät wie unsereins. Aber geschenkt, so ist das mit Festivalpublikum.

Nagel singt und klingt in Folge wie Nagel, so ganz kann man und vielleicht auch er nicht einordnen, es geht aber verdammt nochmal in die richtige Richtung. Mal brachial, mal ruhiger. Mal ein bisschen Synthie, mal wird geprügelt. Leider kann ich keine Setlist wiedergeben, nur einzelne Titel wie als Opener „Der Wirt sagt zu mir“, und folgend u.a. „Tel Aviv“, das New Order Cover „Bizarre Love Triangle“ oder „Quality time“. Das Zusammenspiel zwischen Nagel und Kollege bei einem Song, in dem es um das Wiedersehen zweier alter, eigentlich zerstrittener Freunde geht, ist authentisch und beeindruckend. Das macht Spaß auf mehr.
Dieses Gefühl, wenn man als Bub zum Nikolaus einen Helm geschenkt bekommt und weiß, zu Weihnachten steht das Bike unterm Lamettabaum, stellt sich gerade ein. Heiditei, geil.

Nach etwas mehr als einer Stunde, inklusiver Zugabe, ist Feierabend. Ausatmen. Richtig schickes Konzert. Ein Bier und eine Konzertzigarette wollen auf der Terrasse genascht werden, nur leider ist mittlerweile Ausgehverbot wegen Absturzgefahr. Apropos. Der Tomte-Kettcar-Clan saust mittlerweile ohne Thees durchs Gemäuer.

Auch wenn wir uns Mühe geben, kommen wir an diese Leistung nicht heran. Unser Chauffeur blinkt aufm dem Heimweg noch mal links an und biegt rechts am Späti ran. Dieser schmeisst uns eine Pepsi ins Genick und wenige Minuten später werden die Schmerzen auf dem eigenen Balkon mit einem (okay, vier) selbstgebastelten Cuba Libre gelindert.

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